• Andreas Fritsch

"Achtung auf die Grundbedürfnisse!"


Barbara Galla ist Psychotherapeutin in Wien, verheiratet und Mutter von 2 Kindern. Auch bei ihr wachsen Familie und Beruf momentan an einem Ort zusammen: Wie kann Home-Office gelingen? Wie organisiert man das am besten? Wieviel "Lehrer" kann man als Elternteil sein? Und wie sieht ein "Plan B" aus, sollten Konflikte auftreten? Martin Mayrl (FCG) im telefonischen Gespräch mit der Expertin.




FCG: "Danke, Barbara, dass Du Dir die Zeit genommen hast. Du bist ja im Moment zu den aktuellen Themen telefonisch sehr viel im Einsatz. Wie siehst Du die aktuelle Situation speziell für Eltern schulpflichtiger Kinder im Homeoffice?"

Barbara Galla: "Wenn nun wie von der Regierung nun gefordert, viele Mütter oder Väter im Homeoffice ihre Arbeit erledigen müssen und gleichzeitig ihre Kinder versorgen sollen, kann das zu einer massiven Belastung werden. Zusätzlich kommt bei Schulkindern, die noch nicht selbstständig ihre Arbeitsaufträge erledigen können, die notwendige Unterstützung hinzu. Das alles gemeinsam an einem Tag zu schaffen, kann Eltern an ihre Grenzen bringen."


"Effizient ist, Dinge vorab klar und deutlich zu besprechen - und nicht in den Momenten der Emotion"

FCG: "Vielleicht gibt es Tipps, die Du Eltern dazu aus psychologischer Sicht geben kannst. Was sollte ich mit Familie und Job im Wohnzimmer im Sinne von Organisation und Struktur beachten?"

Barbara Galla: "Aus meiner Sicht, braucht es zunächst ein ausführliches Gespräch mit dem jeweiligen Partner und anschließend mit den Kindern.

Beim Gespräch mit dem Partner, sollte genau geklärt werden, wer was wie und wann genau erledigt. Diese Vereinbarung sollte wertschätzend und übereinstimmend getroffen werden, sodass der jeweilige Partner genau weiß, wofür er zuständig ist. Anschließend halte ich ein Gespräch mit den Kindern für notwendig, dass je nach Altersstufe erklärt wird, warum die Situation eine so klare Struktur erfordert, was und wofür das jeweilige Kind zuständig ist und warum. Auch sollte eine ungefähre Dauer dieses außergewöhnlichen Zustandes besprochen werden. Kinder brauchen viel Klarheit und Führung. Aus meiner Sicht ist es viel effizienter, wenn alltägliche Dinge vorab klar und deutlich besprochen werden und nicht in den emotionalen Momenten und Situationen. Der Inhalt dieser Gespräche sollte der Plan eines strukturierten Tagesablaufes sein. Wichtig für die Eltern: es sollte genau davor besprochen werden, wer wann und wie für die Kinder zuständig ist. Der jeweils andere kann sich dann auf seine Arbeit konzentrieren. Dann wird gewechselt."


FCG: "Natürlich entstehen bei aller Planung und Wertschätzung Konflikte. Wir sind ja alle in einer ungewohnten Ausnahmesituation. Wie gehe ich mit diesen Konflikten am besten um?"


Barbara Galla: "Grundsätzlich erachte ich es als sehr wichtig, dass jedes Familienmitglied auf seine Grundbedürfnisse achtet. Das sind: genug Schlaf, gesunde Ernährung, genug Flüssigkeit, genügend Zeit für sich selbst um die individuellen Bedürfnisse zu befriedigen. Eltern sollten neben sich selbst sehr genau darauf achten, dass das jeweilige Kind all das bekommt. Wenn darauf in ausreichendem Maße geachtet wird, entstehen aus meiner Sicht viel weniger Konflikte, weil die individuelle Person auch in belasteten Zeiten viel ausgeglichener und stabiler ist. Wenn es zu Konflikten kommt ist es wichtig, dass Eltern Konflikte (meist sind es unterschiedliche Haltungen in unterschiedlichen Situationen) nie vor den Kindern austragen. Kinder erleben Konflikte und Ungereimtheiten zwischen den Eltern als sehr belastend und reagieren dann oft mit Wut und Rebellion. Für die Eltern, ist aber eine mögliche dahinterliegende Unsicherheit und Angst der Kinder nicht sichtbar und bringt diese deshalb noch mehr unter Druck. Eine gute Lösungsmöglichkeit ist immer: aus dem Raum zu gehen und sich draußen beruhigen. Ein Spaziergang in der frischen Luft, oder etwaige andere Ressourcen zu nutzen, um dann wieder stabiler, ruhiger zurückzukommen. Der Blick auf Probleme/Konflikte verändert sich, wenn man diese aus einer Distanz von neuem betrachtet."


FCG: "Wenn wir von einem konkreten Plan und einer Struktur sprechen: Welches Tagesprogramm ist sinnvoll, welchen Ablauf empfiehlst Du?"

Barbara Galla: "Aus meiner Sicht sollte ein Tag zu Hause mit einem gemeinsamen Frühstück beginnen und danach mit Lern-/Arbeitseinheiten der Kinder begonnen werden, wobei einen Tag die Mutter und einen Tag der Vater (wenn beide beispielsweise im Home-Office arbeiten) Ansprechperson sein sollte. Der andere Elternteil kann ganz frei seinen Job erledigen. Die Kinder sollten aber so viel wie möglich alleine erledigen. Diese Zeiten sollten begrenzt sein (maximal 2 Stunden am Stück). Dazwischen erachte ich es als wichtig, Pausen einzuplanen, in denen entweder ein Spaziergang unternommen wird oder Spiele gespielt werden. Dabei müssen aus meiner Sicht nicht Vater und Mutter teilnehmen – das kann auch täglich gewechselt werden. Je nachdem wie viel Zeit der/diejenige im Home-Office zu tun hat. Bei AlleinerzieherInnen braucht es aus meiner Sicht noch genauere Strukturen, sowie eine gezielte Ressourcen-Suche nach Unterstützung."

FCG: "Welche Abwechslungen/Bewegungseinheiten sollte ich einbauen?"


Barbara Galla: "Ein Spaziergang im Wald, oder in einem Park ist erlaubt. Diese sollten 1-2x tgl mit kleinen Kindern genutzt werden. Darüber hinaus gibt es lustige Videos mit Anleitungen zur Bewegung, die gemeinsam mit den Kindern geübt werden können. Dafür braucht es aber wieder als Basis die Pflege der jeweiligen Grundbedürfnisse (vor allem genügend Schlaf und Erledigung der Arbeitsaufträge bei Schulkindern davor), damit auch genügend Motivation dafür vorhanden ist."


FCG: "Vielen Dank, Barbara, für das Interview!"

Weitere Informationen und Kontakt zu Barbara Galla finden Sie auf ihrer Website (bitte klicken)

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