• Andreas Fritsch

Arbeit mit Ängsten

Angst ist Angst vor nichts, Furcht ist Furcht vor etwas.


Die Unterscheidung zwischen Angst und Furcht ist in der Psychologie mehr als umgangssprachliche Wortklauberei. Unter dem Begriff der Angst verstehen wir diffuse Bedenken, eine ängstliche Stimmung, oft unbegründete Vorahnungen. Furcht hingegen ist viel konkreter. Sie entsteht angesichts einer realistisch bevorstehenden Gefahr.



Aber was ist es denn nun, was uns angesichts der Geschehnisse um uns herum antreibt? Ist es diffuse Angst vor nichts oder konkrete Furcht vor etwas? Es ist beides. Und es ist wichtiger denn je, das eine vom anderen unterscheiden zu lernen. Ein kleiner Exkurs:


Angst und Furcht sorgen für urwüchsige biologische Prozesse. In unserem vegetativen Nervensystem werden bei (echter oder gefühlter) Bedrohung bestimmte Mechanismen ausgelöst. Man spricht hier von einer Fight-/Flight- (Freeze-)-Response. Wir antworten also auf den Angst- oder Furcht-Impuls mit Flucht, Angriff oder Erstarrung. Die entsprechenden körperlichen Symptome werden dabei vom sogenannten „Sympathikus“ - dem aktivierenden Teil unseres vegetativen Nervensystems ausgelöst. Adrenalin und Cortisol werden ausgeschüttet. Körper und Geist werden aktiviert (wichtig bei echten Bedrohungen), Kampfeslust, Aggression und Fokus steigt. Nebeneffekte wie mehr Konzentration auf sich selbst (kann: egoistisches Verhalten) und Abwehr von potentiellen Bedrohungen sind die Folge.

Wir sollten keine Energie verschwenden für die vermeintliche Bewältigung von potentiellen Bedrohungen vor denen wir uns ängstigen, die aber in Wirklichkeit nie eintreten.

Damit wird sehr viel von dem Verhalten erklärbar, das wir gerade kopfschüttelnd um uns herum beobachten können (von banalen Hamsterkäufen bis hin zu zur weitaus kritischeren Zunahme von aggressivem Verhalten, Ausgrenzungen, häuslicher Gewalt). Aktuell fehlt uns der ausgleichende Mechanismus. Durch Homeoffice, reduzierte Bewegung, weniger soziale Kontakte können wir das Adrenalin, das unser sog. Hypothalamus ausschüttet, nicht mehr anständig abbauen. Noch vor ein paar Wochen war es wenigstens die Alltagsbewegung, die aufgestautes Adrenalin abgebaut hat. Der Gang zum Bus, der Weg zum Büro der Kollegin, die Mittagspause, frische Luft, sozialer Kontakt. Und schon „damals“ haben wir mit unseren Klienten im Life-Balance-Coaching immer auch an Wegen gearbeitet, noch mehr Bewegung in ihr Leben zu bringen um Widerstandsfähigkeit und Resilienz zu stärken (einen Artikel zu Resilienz werden wir in den nächsten Tagen veröffentlichen). Heute sitzen wir zu Hause und müssen uns mit Dingen auseinandersetzen, die wir so noch nie erlebt haben und die uns wirklich unter Stress setzen (siehe oben: Sympathikus).


Wir müssen unseren Job im Wohnzimmer (luxuriöser: im Arbeitszimmer) erledigen, dazwischen sitzen die Kinder am Esstisch und machen ihre Hausaufgaben, dann müssen wir organisatorische Dinge dazwischenschieben, vielleicht sogar Einkäufe erledigen (alleine der Gedanke daran löst bei Vielen „Ängste“ aus) und nebenher noch das Familienleben managen und für Abwechslung und Entertainment sorgen.

All das ist neu, oft stressig und schwer zu handhaben. Aber sind wir realistisch: wir werden uns noch eine ganze Weile mit diesem Zustand auseinandersetzen müssen. Es macht daher Sinn, neue Wege zu finden (oder uralte, teils vergessene Techniken wiederzubeleben), um mit diesem künftigen Normalzustand umzugehen (dazu morgen ein paar einfache Alltagstipps). Und wir können jetzt, in schwierigen Zeiten, die Mechanismen aufbauen, die uns später sehr hilfreich sein werden, einen neuen beruflichen und privaten Alltag zu meistern.


Umso wichtiger ist es, Ängste vor konkreter Furcht zu unterscheiden und dabei den Gegenspieler unseres Sympathikus im vegetativen Nervensystem zu nutzen, den Parasympathikus. Banal formuliert geht es darum, unseren negativen Stress zu reduzieren. Wir sollten keine Energie verschwenden für die vermeintliche Bewältigung von potentiellen Bedrohungen vor denen wir uns ängstigen, die aber in Wirklichkeit nie eintreten. Wir sollten uns darauf konzentrieren, die Dinge zu bewältigen, die wirklich relevant sind:


  • Gespräche und Austausch mit unserer Familie

  • Regelmässige, bedarfsgerechte Kommunikation mit unseren Mitarbeitern und Kollegen

  • Vorbeugende Maßnahmen zur Verbesserung unseres Immunsystems wie regelmässig Bewegung und bewusste Ernährung

Solche Aktivitäten, die uns körperlich und geistig stabilisieren und positive Routine in unser Leben bringen, sorgen für eine Stimulierung dieses Parasympathikus. Meditation, ruhiges, gleichmäßiges Atmen.


Sobald unser Körper Serotonin ausschüttet (einen sogenannten dämpfenden Neurotransmitter im Volksmund auch „Glückshormon“ genannt), fühlen wir uns wohl. Bestimmte Nahrungsmittel enthalten Serotonin wie z.B. Walnüsse und Bananen oder auch Schokolade (dabei darauf achten, dass der Kakao-Anteil möglichst hoch ist). Sowohl Dopamin als auch Serotonin fallen unter die Kategorie der Glücksbotenstoffe. Sie entstehen durch Erfolge (auch durch kleine Erfolge und die Erreichung von sog. Micro Goals, siehe entsprechender Artikel) und reduzieren unser Stressempfinden. Auch Oxytocin hilft dabei, uns positiv zu stimulieren. Als sogenanntes Liebeshormon wird es produziert, wenn die Schmetterlinge im Bauch flattern aber auch, wenn wir mit anderen Menschen gemeinsam gute Dinge schaffen und dadurch das Gefühl der Zusammengehörigkeit stärken.


Umso wichtiger ist es in Zeiten der Isolation, andere Wege für den intensiven Austausch mit anderen Menschen zu finden. Es ist belegt, dass Glücks- und Liebeshormone auch online funktionieren. Auch den Aktionären von Zoom - einem Online-Kommunikationstool - dürfte dieser Bedarf in den letzten Tagen das Dopamin in die Adern gepumpt haben. Der Aktienkurs des Unternehmens ist kürzlich massiv nach oben geschossen. Wir schaffen uns also Nähe und Austausch - und sei es mit elektronischer Unterstützung.


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