Wundermedizin Wertschätzung

Ein großes Wort, gelassen ausgesprochen. "Wertschätzung", so der Tenor vieler Mitarbeiter-Umfragen, ist der Knackpunkt im alltäglichen Miteinander am Arbeitsplatz. Besser gesagt: die fehlende Wertschätzung.



Nur 41 Prozent der Mitarbeiter, glaubt man einer aktuellen Studie von Robert Half, attestieren Ihrem direkten Vorgesetzten "Interesse an seinen Mitarbeitern". Schwarzmalerei? Nein, glaubt man weiteren Untersuchungen und teils haarsträubenden Bewertungen auf Plattformen wie kununu, auf der (ehemalige) Arbeitnehmer zu Wort kommen - und ihr Empfinden mit unzähligen Beispielen belegen.


Die Henne


Vor allem Führungskräfte erfahren die steigende Komplexität und hohe Dynamik am Markt tagtäglich. Wieviel Raum für "Wertschätzung", so könnte man fragen, bleibt also in einer Zeit, in der enormer Druck nach klaren Ansagen, klaren Zielen und klarer Umsetzung verlangt? Wieviel "Augenhöhe" und "Weiterentwicklung" kann ich bieten, wo ich selbst - und mein Verbleib im Unternehmen - doch primär an ganz anderem gemessen wird?



"Der Umbau meiner Abteilung zur am meisten wertgeschätzten bringt mir vielleicht Sympathiepunkte. Er sichert jedoch nicht meinen Arbeitsplatz. Da schaut man, ganz oben, auf ganz anderes"



Ein Schelm, wer Böses denkt? Keineswegs. Denn diese Reaktion ist gleichermaßen verständlich und menschlich wie das Bedürfnis nach Anerkennung. Bleibt die Frage, ob an dieser Stelle alles gesagt ist - und es ratsam ist, mit einem "Patt" zur Tagesordnung überzugehen.


Das Ei


Prof. Reinhard Haller nimmt es in seinem neuen Buch bereits im Untertitel vorweg: "Wie wir andere stark machen und dabei selbst stärker werden". "Das Wunder der Wertschätzung", so der eigentliche Titel, untersucht die tieferen Auswirkungen, die Augenhöhe, ein offenes Ohr und ehrliches Interesse an Menschen auslösen. Das große Wort "Anerkennung", gelassen ausgesprochen, offenbart "Magisches", wie er selbst attestiert. Es aktiviert das Belohnungszentrum im Gehirn, hemmt das Angstzentrum und schafft damit - bewußt und unbewußt - ein wachsendes Vermögen an Motivation, Kreativität und Beziehungsfähigkeit. Wird die Ausnahme zur Regel, fungiert das Gehirn ähnlich einem Muskel: es beginnt, die positiven Auswirkungen von Anerkennung dauerhaft zu übernehmen; der "Dienst nach Vorschrift" wird, sozusagen, vom "Dienst des wahren Potentials" abgelöst.


Die Henne und das Ei


Was zunächst nur einen selbst betrifft, zeigt weitere Wirkung: auf Kollegen, und jene Person, die Anerkennung gibt. Wer Wertschätzung länger vernachlässigt hat, kann sich über einen zusätzlichen Hebel freuen: lange Vermisstes wird, Glaubhaftigkeit vorausgesetzt, um so wirkungsvoller auf- und angenommen. Der Aufwand, um das zu erreichen? Weist, um wieder zur Henne zurückzukehren, einen exzellenten Return-On-Investment aus; vor allem in einer Zeit, in der kaum Zeit für Experimente bleibt und Wirtschaftlichkeit an der Tagesordnung steht. Mitarbeiter-Veranstaltungen mit motivierenden Worten von ganz oben, Tischfeuerwerk und teuer bezahltem Live-Act? Gut. Anerkennung, in kleinen Schritten, ernsthaft gemeint? Besser. Und vor allem, liebe Henne, wesentlich bekömmlicher in Zeiten, wo Budget und "Dienst nach Vorschrift" Deiner Zielerreichung abträglich gegenüber stehen.


Was es braucht


Es scheint also, dass man manchmal den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht.

Man sich dem Umstand mangelnder Anerkennung auch mal aus dieser Perspektive nähern: Was kostet es mich (weiterhin), nicht umzudenken bzw. nicht an einer Kultur auf Augenhöhe zu arbeiten? Wer es versucht, wird überrascht sein, wie wenig es dafür braucht. Und wie viel in Menschen steckt, wenn man sie so behandelt, wie sie behandelt werden möchten.


Andreas Fritsch ist Geschäftsführer der Fritsch Consulting Group.


Zum Teilen des Artikels, wählen Sie bitte Ihre bevorzugte Plattform:

© 2020 Fritsch Consulting Group.
All Rights Reserved.​​

  • MAIL
  • XING
  • LINKEDIN
  • INSTAGRAM