Angst oder Vertrauen – Krisen- oder Aufbruchstimmung?

Jürgen Waellnitz ist Coach, Trainer und Vortragsredner. Er lebt mit seiner Lebensgefährtin in Deutschland und auf Mallorca. Jürgen begleitet Unternehmen bei der Entwicklung von Talenten und der strategischen Implementierung eines Talentmanagment-Systems. Als Netzwerkpartner der Fritsch Consulting Group hat er sich auf Talent-Trainings und Talent-Coachings spezialisiert. Seine Arbeit stellt er momentan notgedrungen auf virtuelle Prozesse um und steuert sein Geschäft derzeit von der einsamen Balleareninsel aus. Bei dieser Umstellung erkennt er auf einmal positive Seiten einer erzwungenen Veränderung.


Jede Krise kommt wie Kopfweh, der Zeitpunkt ist immer falsch. Das Problem dabei ist, dass wir uns sehnlichst wünschen, keine Kopfschmerzen, geschweige denn eine Krise zu haben. Aber wenn wir Kopfschmerzen haben, dann haben wir nun mal Kopfschmerzen. Und wenn wir eine Krise haben, dann haben wir eine Krise, ob wir das nun wollen oder nicht. Ok, gegen Kopfschmerzen können wir eine Tablette einwerfen und sie werden besser. Auch wenn wir damit nicht immer die Ursache beseitigen, so haben wir dennoch ein Mittel dagegen. Wir können etwas tun. Und alleine dieses Wissen lässt uns mit den Kopfschmerzen angstfrei umgehen.



Obwohl er Hummeln im Hintern hat und endlich wieder zu seinen Kunden fahren möchte, hat er aus dem Homeoffice heraus einige interne Abläufe durchleuchtet und durch zwei kleinere Veränderungen in einem Bereich fast 40% mehr Effizienz erreicht. Dazu wäre er im Alltag nicht gekommen.

Das was jetzt aber in der Welt passiert, haben die meisten Menschen in diesem Ausmaß so nicht niemals erlebt. Wir können gegen Corona und seine Auswirkungen keine Pille einwerfen und warten bis der Schmerz geht. Wir müssen uns ganz neu mit dieser Situation auseinandersetzen. Es gibt weder ein Medikament noch einen Impfstoff, und das macht die Sache so brisant. Hinzu kommt die gefühlte Ohnmacht. Wir müssen größtenteils zuhause bleiben, und auch das sind wir nicht gewohnt. Wir werden dazu gezwungen, unsere gewohnten Abläufe auf einen Schlag zu ändern, ohne große Vorbereitung, ohne vorher einen Plan gemacht zu haben. Das hat viele von uns völlig unvorbereitet getroffen, Unternehmen ebenso wie jeden einzelnen von uns. Und egal ob man einsam, zweisam, dreisam, viersam oder fünfsam seinen Alltag zuhause neu konfigurieren und mit seiner Arbeit verbinden muss, jeder hat eine andere Art, damit umzugehen. Das schafft ein paar Probleme. Die Kinder sind nun zuhause, müssen und wollen den ganzen Tag beschäftigt werden. Der Unterricht findet online zuhause statt und der ein oder andere wird nun feststellen, dass nicht immer der Lehrer „schuld“ ist, wenn der Nachwuchs nicht so lernwillig ist. In Zweierbeziehungen stellt sich auch die Frage, wie harmonieren wir, wenn wir nun für ein paar Wochen 24 Stunden in einer nicht Urlaubsatmosphäre zusammen sind. Und dann sind da noch die Singles und Einsamen, die ihre sozialen Kontakte nur noch virtuell pflegen können und niemanden haben, mit dem die Szenarien face to face besprochen werden können. Hinzu kommen Zukunftsängste. Wie wird es weiter gehen, bekomme ich noch Geld vom Arbeitgeber, kann ich auch in 2 Monaten noch Lebensmittel kaufen und meine Miete bezahlen? Das kann einem niemand sagen, weder die Regierung noch der Arbeitgeber.


Nationen und Unternehmen haben in der Regel Krisenszenarien durchdacht. Sollte man zumindest meinen. Die Realität sieht anders aus. Auch hier herrscht eine große Unsicherheit. Jetzt werden hektisch Soforthilfen des Staates angeboten um den Eindruck zu erwecken, dass alles getan wird, um das Schlimmste zu verhindern. Das mag gut klingen, ist in Summe aber auch nur ein Ausdruck der Hilflosigkeit mit derzeit unabsehbaren Folgen. Natürlich wird alles unternommen, um die Situation in den Griff zu bekommen, aber die Horrorszenarien werden auch durch die Medien nicht unerheblich geschürt. Ich mache den Medien keinen Vorwurf, die sind darauf programmiert, mit Katastrophenszenarien Leser, Zuschauer und Zuhörer an sich zu binden. Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist die Frage: Was machst es mit uns, wenn wir nun mehr oder weniger den ganzen Tag damit konfrontiert werden? Schürt das in uns noch mehr Angst oder sind wir in der Lage, die dort verbreiteten Informationen nüchtern einzuordnen und dann der Situation vielleicht auch etwas Gutes abzugewinnen?


Hier kommt die gute alte Resilienz ins Spiel. Jeder sollte sich die Frage stellen, wie resilient bin ich eigentlich, und wie gut bin ich in meinem Inneren auf außergewöhnliche Umstände vorbereitet. Und jeder Unternehmer darf sich die Frage stellen, wie resilient ist mein Unternehmen, wie gehe ich mit Krisen um. Sowohl im Inneren wie im Äußeren. Übernehme ich Verantwortung und Führung? Habe ich Maßnahmen im Betrieb entwickelt, um solche Krisen zu überstehen, habe ich meine Mitarbeiter mit ins Boot genommen, um gemeinsam über diese Krise zu kommen? Überwiegt die Menschlichkeit oder der Egoismus, das Vertrauen oder die Angst? Auch ich bin natürlich von der Situation betroffen und darf keinen direkten persönlichen Kontakt mehr haben. Das ist auch für mich ungewohnt, da ich lieber meinen Klienten face to face gegenüber sitze. Das ließ sich aber sehr schnell durch ein Tool lösen, ich arbeite nun mit Videokonferenzen und bin erstaunt, dass das recht gut funktioniert.

Ich möchte Ihnen nun drei Beispiele nennen, die ich in den letzten Tagen als Coach erlebt habe und die Bandbreite zeigen, in der wir uns bewegen.


Gestern habe ich mit einem Bankdirektor gesprochen. Die Bank hat intern alle Maßnahmen getroffen, um so gut es geht, Mitarbeiter zu schützen und Kunden trotzdem zu betreuen. Zum Thema Staatshilfen und KfW-Darlehen steckt die Bank in einer Zwickmühle. Einerseits sollen Unternehmen diese Darlehen bei der Hausbank beantragen, für die der Staat zu 90 Prozent bürgt. Für die restlichen 10 % müsste die Bank haften, was sie aber durch verschärfte Richtlinien dar Aufsichtsbehörde BAFIN in der Regel nicht darf (Anm. der Redaktion: Regelungen für Deutschland) . Und das ist nicht das einzige Dilemma in dieser Krise, es werden nicht alle Betriebe überleben.


Ein ganz anderes Gespräch habe ich mit einem Standortleiter eines Stahlunternehmens geführt. Er wiederum sagte, er findet diese Krise trotz aller Begleiterscheinungen mehr als positiv. Denn nun könnten neue Wege entwickelt werden, Abläufe und Strukturen endlich zu verändern, da Veränderungen nur dann stattfinden würden, wenn etwas nicht mehr so funktioniert, wie es vorher funktioniert hat und geht dieses Thema mit vollem Elan an. In dieses Horn bläst auch der Key Account-Manager eines weltweit agierenden Konzerns: Obwohl er Hummeln im Hintern hat und endlich wieder zu seinen Kunden fahren möchte, hat er aus dem Homeoffice heraus einige interne Abläufe durchleuchtet und durch zwei kleinere Veränderungen in einem Bereich fast 40% mehr Effizienz erreicht. Dazu wäre er im Alltag nicht gekommen.


Letztere Aussage finde ich entscheidend für Unternehmen und Mitarbeiter. Ändern können wir an der Situation eh nichts, aber wir können beeinflussen wie wir damit umgehen. Wir können uns für den Weg der Angst oder für den Weg des Vertrauens entscheiden. Und wir können uns nun das Rüstzeug für die Zukunft erarbeiten, uns selbst besser kennen lernen und erkennen, was uns wirklich ausmacht. Vielleicht entdecken wir so unsere Talente und unsere Werte, über die wir uns bisher noch wenig Gedanken gemacht haben. Möglicherweise wachsen wir dann sogar über uns hinaus und werden immuner gegen Krisen. Idealerweise rüsten sich auch Unternehmen und Organisationen künftig besser, um auf einen Krisenmodus vorbereitet zu sein. Letztendlich werden wir von dieser Krise profitieren, auch wenn wir uns das im Moment vielleicht noch nicht vorstellen können.


Auch wenn wir das Gefühl haben, derzeit eingesperrt zu sein, so sollten wir doch nach draußen schauen und uns auf das konzentrieren, was uns erwartet, wenn wir wieder raus können.


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