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  • von Andreas Fritsch

Corporate Unwohlsein

Im Auftrag des Karrierenetzwerks LinkedIn hat das Marktforschungsinstitut YouGov im März dieses Jahres 1.056 Berufstätige zu ihrem mentalen Wohlbefinden am Arbeitsplatz befragt. Das Ergebnis lässt - wieder einmal - aufhorchen.


57 Prozent der Befragten gaben an, eine hohe Anspannung zu spüren, 44 Prozent klagten über Unruhe und 40 Prozent über Schlafstörungen. Die Studie resümiert: Vier von fünf Arbeitnehmern können einen direkten Bezug zwischen Stress am Arbeitsplatz und ihrem mentalen Wohlbefinden herstellen.


Im Kern bestätigt die Untersuchung, was alljährlich am "Gallup Engagement Index" abzulesen ist: Drei von vier Beschäftigten, so die Conclusio 2018 für Deutschland, machen Dienst nach Vorschrift. Oder anders gesagt: nur 15 Prozent geben an, Ihre Arbeit mit Hirn, Herz und Verstand zu machen. Hoffnung in Sicht? Nein, glaubt man den Befragten. 40 Prozenten gaben an, dass ihre Arbeitgeber keinerlei Präventionsmaßnahmen bieten.


Schätzungen gehen davon aus, dass innere Kündigung und Dienst nach Vorschrift die deutsche Wirtschaft jährlich 103 Milliarden Euro kosten



Kein guter Befund also für eine Zeit, in der immer öfter von einem "Wandel zum Ermöglichen, Befähigen und Coachen" die Rede ist. Kein guter Befund vor allem für die Führungsetagen: Nicht einmal die Hälfte der Befragten sieht sich in einer Unternehmenskultur, in der Wissen und Ideen offen ausgetauscht werden dürfen. Eine Erlaubnis zum Ausprobieren und Fehler machen? Fehlanzeige, meinen 80 Prozent.



Quelle: LinkedIn/LinkedIn Corporation/obs



Was bleibt, ist ein bitterer Nachgeschmack - vor allem für Unternehmen


Erstens, weil sich immer mehr Unternehmen zwar mit dem Etikett "agil" versehen - doch vergessen, dass Worten auch Taten folgen müssen. Wer klassische Hierarchien aufbricht, übergreifend organisierte Teams forciert und Experten benennt, denen Verantwortung übergeben wird, sollte dies nur kommunizieren, wenn Theorie auf Praxis trifft. Der Anstrich alleine reicht nicht. Es ist, am Ende, ein riskantes Spiel: wer gute Köpfe verliert, braucht neue gute Köpfe. Bröckelnder Anstrich, mittlerweile auf einen Kilometer sichtbar, verheisst nichts Gutes.


Ein klarer Auftrag für Führungskräfte


Zweitens, weil Unternehmen leicht in die Falle des "Getriebenen" geraten können. Wer zeitgemäße Führung - und Strukturen, die dies ermöglichen - auf die lange Bank schiebt, muss irgendwann Farbe bekennen. Die fortschreitende Digitalisierung etwa betrifft alle Branchen und verlangt, sich neu zu sortieren. Zusätzlich zwingen gesetzliche Mehr-Auflagen zu größeren Umbauten.

Viele Unternehmen sind damit überfordert - vor allem, wenn klassische Hierarchien seit vielen Jahren weder Bewegung noch Flexibilität trainiert haben. Der Ball liegt - auch hier - klar bei den Führungskräften. Gut, wer die gestellten, akuten Aufgaben erfolgreich erledigt. Noch besser, wer diese zum Anlass nimmt, sich einer viel größeren Herausforderung zu stellen: der Frage, wie Führung, Ausbildung, Motivation in einem zeitgemäßen Format aussieht, das Wandel als Chance anstatt als Bedrohung begreift. Mit einer Mannschaft, die keinen Platz sieht, um Ideen und Wissen offen auszutauschen, wird das schwer. Und noch schwerer, wenn sich keiner traut, auszuprobieren und Fehler zu machen. Doch die Alternative - alles bleibt, wie es ist - freut am Ende nur einen: den Mitbewerb, der soeben um einen Anbieter kleiner geworden ist.


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