Inhalte vermitteln in herausfordernden Zeiten

Disruption oder nur Veränderung? Ein provokanter Blick nach vorne: in den eigenen Spiegel im Speziellen aber auch in die Trainings-und Coaching-Branche im Allgemeinen. Von Andreas Fritsch, GF der Fritsch Consulting Group.

Ich möchte hier gerne einige Seminar-Erfahrungen der letzten Monate mit Ihnen teilen. Viele meiner Trainerkollegen, zahlreiche Coaches und Berater aber auch HR-Spezialisten aus unterschiedlichen Unternehmen sind verstärkt auf mich zugekommen, um zu erfahren, wie wir im Rahmen unserer Leadership-Trainings, Coachings, unserer Change-Begleitungen bei Kunden aber auch in unserer offenen Coaching-Academy mit den Herausforderungen umgegangen sind, die sich durch die coronabedingten Einschränkungen an die Technik und die Didaktik in den genannten Formaten gestellt haben.



Ich weiss, dass wir hier mit dem, was wir tun, erst ganz am Anfang stehen und dass unsere Branche am Beginn einer Disruption steht (die sie selbst immer so wirkungsvoll doziert hat). Um Ihnen daher einen Rahmen zu geben, wie uns diese Disruption selbst betrifft, ein paar Worte zu dem, was wir tagtäglich tun (oder in dieser Form bis März 2020 getan haben):


Wir sind ein Trainings- und Coaching-Unternehmen mit Sitz in Wien. Unser Schwerpunkt liegt auf der Entwicklung von Menschen und Organisationen. Wir begleiten seit über 15 Jahren Change-Prozesse und analysieren und entwickeln Talente und Kommunikationsmuster von Menschen. Damit sorgen wir für persönliches Wachstum und die Entwicklung der eigenen Stärken. In unserer offenen Leadership-Academy lernen unsere Teilnehmer nicht nur faszinierende Führungstools kennen, sie lernen viel über sich selbst. Über ihre Stärken, Schwächen, Kommunikationsmuster. Sie entwickeln das Rüstzeug für gute, menschenorientierte Führung und arbeiten an ihren eigenen Erfolgsmustern. 10 Module in bis zu drei Jahren umfassen Themen wie Change, Coaching, Konfliktmanagement, Talententwicklung, Teamdynamik - um nur einige zu nennen. Warum ich Ihnen diesen Zusammenhang gebe ist schnell erklärt: wir waren bis Anfang 2020 zu 80% präsent. Das heisst: Live-Seminare mit hohem Erlebnis Charakter und vielen Outdoor-Elementen, überwiegenden Präsenz-Coachings aber auch Moderationen und Begleitungen von Change-Prozessen. In unserer offenen Coaching- und Leadership-Academy, die wir in einem Joint Venture mit dem Coaching-Institut Wien betreiben, sogar seit über 20 Jahren. Von heute auf morgen ist uns die Möglichkeit der Anwendung dieser Kernkompetenzen im März 2020 entzogen worden. Themen, die Unternehmen und Menschen dringend benötigen, waren nicht mehr in der bekannten Form zu vermitteln.


Digitalisierung ist nicht mehr „nice to have“ sondern Existenzgrundlage. Unternehmen werden externe Trainer und Berater danach evaluieren müssen, ob sie imstande sind, eine Stattfinde-Garantie für ihre geplanten Seminarformate zu geben. Planungssicherheit ist für die Teilnehmer eines jeden Seminars genauso wichtig wie für HR und die Geschäftsleitung.

Für uns kam es nicht infrage, in eine Opferrolle zu flüchten und Schuldige zu suchen für diese ungute Situation. Wir haben nach einer ersten Schrecksekunde unsere 20%tige Online-Erfahrung der letzten Jahre herangezogen und uns die Frage gestellt: was können wir tun, um zu liefern?


Nach ersten Experimenten im März-Lockdown haben wir begonnen, unsere bekannte Didaktik und unsere Arbeits-DNA in Online-Formate zu übertragen. Mit zunächst sehr mässigen Erfolgen. Wir haben gesehen, dass das klassische Präsenztraining, das von persönlichem Kontakt lebt und mit verschiedenen Methoden arbeitet - vom Graphic Recording bis hin zu interaktiven Übungen und Spielen - nur sehr bedingt 1:1 in Online-Formate übertragen werden kann. Ehrlich gesagt bin ich selbst bereits daran gescheitert, dass meine ganzen hübschen Flipchart-Bilder, mit denen ich unterschiedliche Führungsmodelle darstelle, mit einer Webcam am Flipchart gar nicht mehr lesbar waren. Und dass man mich nicht mehr richtig verstanden hat, sobald ich mich von der Webcam weggedreht und am Flipchart gearbeitet habe. Gut, dass wir in Zoom oder Teams oder GoToMeeting bereits mit mehreren Trainern gleichzeitig online waren, die dieses Manko wieder teilweise auffangen konnten.


Darüberhinaus ist mir in Online-Coachings mit Kamera aufgefallen, dass die allermeisten Menschen sich zwar auf dem Bildschirm in die Augen schauen, die andere Seite aber immer das Gefühl hat, der andere schaue vorbei. Klar, denn ich schaue ja nicht in die Kamera, wenn ich dem anderen am Bildschirm in die Augen schaue. Im Online-Coaching kein akzeptabler Fauxpas sondern ein für Präsenz und Vertrauensaufbau wirklich schädlicher Effekt (Anmerkung: wir haben in unseren Blogartikeln im März und April viel darüber geschrieben, wie die richtige Beleuchtung, der richtige Hintergrund und vernünftige Technik in Online-Meetings aussehen sollten. Daher gehe ich hier auf diese Themen nicht gesondert ein).

Für mich hat sich also die Frage gestellt, was ich im Sinne der Online-Kommunikation als Coach, Trainer oder Moderator (heute weiss ich: auch als Führungskraft) benötige für:

  • Präsenz

  • Sichtbarkeit

  • Verständlichkeit

  • Abwechslung

  • Interaktivität

  • Energie

  • Spass

  • Vertrauen

  • Partizipation

  • Seminarerfolg

  • Wirksamen Wissenstransfer


Was mir und meinen Kollegen in Online-Trainings und -Coachings technisch wichtig war, waren und sind daher vor allem folgende Punkte:

  • Ein sehr guter Ton (nichts löst mehr Stress aus und kostet mehr Energie als schlechter Ton)

  • Eine wirklich gute Internet Verbindung (als Trainer sollte man nicht aus dem Call fliegen)

  • Sehr gute Beleuchtung (Mimik und Gestik sind elementare Bestandteile wirkungsvoller Kommunikation)

  • Arbeiten im Stehen (noch heute sehe ich die meisten Kollegen aber auch Führungskräfte in Online-Konferenzen sitzen).

  • Variable Tischhöhen fürs Arbeiten im Stehen (auch, um Tischinhalte ein- und ausblenden zu können)

  • Einsatz von Mitschriften, Visualisierungen, Graphic Recordings (eine Power-Point Präsentation kann ich auch zuschicken, da brauche ich keinen Zoom-Call)

  • Interaktive Präsentationen, die während eines Trainings entwickelt werden können

  • Scharfe virtuelle Hintergründe (ohne Verzerrungen; besonders wichtig für Firmen, die ihr Logo als Hintergrund nutzen wollen).

  • Einbinden von potentiellen Live-Teilnehmern in Hybrid-Trainings (Ton, Bild, Präsentation, Verknüpfung und Interaktion mit Online-Teilnehmern).


Diese Rahmenbedingungen sind heute für uns so wichtig, wie in der jüngeren Vergangenheit ein gutes Flipchart, gute Pinwände, Stifte, Moderationsmaterialien. Alles brauchen wir noch, aber anders. Ich bin mir heute sicher, dass wir als Trainer (ob extern oder als Trainer eines Unternehmens) vor einer der grössten Disruptionen unserer Geschäftsmodelle und Arbeitsweisen stehen. Digitalisierung ist nicht mehr „nice to have“ sondern Existenzgrundlage. Unternehmen werden externe Trainer und Berater danach evaluieren müssen, ob sie imstande sind, eine Stattfinde-Garantie für ihre geplanten Seminarformate zu geben. Planungssicherheit ist für die Teilnehmer eines jeden Seminars genauso wichtig wie für HR und die Geschäftsleitung.

Wir haben uns zwar schon daran gewöhnt, dass geplante Trainings oder Seminare kurzfristig verschoben oder abgesagt werden. Das darf aber für alle Beteiligten nicht zur Normalität werden. Mitarbeiter haben ein Recht auf gute (und stattfindende) Schulungen und Trainings und oft kämpfen sie sogar dafür, wie wir in letzter Zeit verstärkt feststellen.


Unternehmen, die einen stimmigen Plan B für ausfallende Präsenz-Trainings haben (und nicht nur eine fadenscheinige Veranstaltung light), werden von ihren Mitarbeitern anders wahrgenommen. Vertrauen und Mitarbeiter-Bindung werden gestärkt. Trainer und Coaches, die ihr Angebot deutlich über ein 1:1 Offline:Online-Format mit Webcam hinausentwickeln, können Unternehmen als vertrauensvolle Partner dabei unterstützen. Coaches und Trainer, die sich vor Online-Formaten (unnötigerweise) fürchten, werden Ihr Angebot mittelfristig nicht mehr am Markt platzieren können. Auch Angebote, die irgendwo in der Mitte steckenbleiben (damit meine ich die o.g.1:1 Online Übertragungen von alten Formaten), werden sich am Markt nicht mehr durchsetzen können, weil Mitarbeiter, Führungskräfte und HR zurecht mehr Qualität und Zuverlässigkeit in den Formaten fordern.


Wie das alles gehen kann und mit welchen konkreten Maßnahmen wir auf unsere eigenen Anforderungen und die unserer Kunden reagiert haben, beschreibe ich in unserem nächsten Artikel. Hier gehe ich auf Technik, Material und Didaktik ein, die aus unserer Sicht heute schon zum State of the Art gehören sollte. Für alle Trainer und Coaches aber auch für alle Unternehmen. Die Mitarbeiter werden es Ihnen danken.


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