• Andreas Fritsch

Wieso uns pure Kraft nicht besser macht

Willi Chen ist CrossFit-Trainer und funktionaler Leistungssportler. Seine sportlichen Prinzipien finden viele Parallelen bei der Entwicklung persönlicher Talente und der Führung von Teams.

In diesem Gastbeitrag hält Willi Chen ein ungewöhnliches Plädoyer für funktionales Training und das Laufen als Kerndisziplin der menschlichen Entwicklung. Nicht jedes Wort ist bitterernst gemeint.





Die Leute lieben es, über die Apokalypse und irgendwelche kruden Verschwörungstheorien zu sprechen. Vielleicht ist es sogar ein nützlicher Weg, „kritisch“ und „objektiv“ zu denken. Einige gehen dann sogar so weit zu sagen, dass sie „für die Apokalypse trainieren“. Vielleicht nicht zu Unrecht, wenn man sich die Lage der Nation(en) heute anschaut. Die Tatsache dafür zu trainieren liegt allerdings irgendwo zwischen einem schlechten Witz und einer ausgewachsenen Paranoia.


Fitness


Um festzustellen, wie funktional und übertragbar deine Fitness ist, werde ich die sprichwörtliche Zombie-Apokalypse trotz ihrer Unwahrscheinlichkeit heranziehen. Ich denke, es funktioniert, damit zumindest spannende Hypothesen zu erstellen. Also stellt sich die Frage wie „Mann oder Frau“ am besten für die Apokalypse JETZT trainiert?


Für Pros: Dein One Rep Max Versuch wird Dich nicht retten


Ich möchte damit beginnen und einen Gedanken beseitigen. Den weiterverbreiteten Irrglauben: „Stärker zu sein macht es anderen schwerer, mich in der Apokalypse zu töten.“ Das tut es nicht. Eine Person, die 90 kg Kreuzheben kann (Anm. der Redaktion / Wikipedia: Kreuzheben ist eine Kraftübung, bei der ein auf dem Boden liegendes Gewicht aus einer vornübergebeugten stabilen Position hochgehoben wird), und eine andere Person, die 300 kg Kreuzheben schafft, haben beide die gleiche Sterbewahrscheinlichkeit, wenn sie von einer Kugel am Kopf getroffen werden.


Wenn Stärke dich wirklich schwerer zu töten macht, würde die Militärelite dieser Welt ausschließlich bei „Westside Barbell“ trainieren. Sie tut es aber nicht.



Was ich damit nicht sagen möchte ist, dass Kraft und Stärke kein wichtiges Merkmal der allgemeinen Fitness ist. Es sollte nur der Fokus nicht ausschließlich darauf ausgerichtet sein.


Die meisten Menschen würden mir zustimmen: Wenn sie in einem Resident-Evil Szenario mit freilaufenden Zombies gefangen wären, würden sie die Hilfe eines Jagdkommandos, der Navy Seals- oder von SAS-Soldaten, eines „Stärksten Mannes der Welt“ bevorzugen, denn es würde mit großer Wahrscheinlichkeit die Überlebenschancen erhöhen.


Eliteeinheiten erkennen die Bedeutung des Krafttrainings an, insbesondere im Zusammenhang mit Kraftausdauer. Aber sie alle kennen eine weitaus wichtigere körperliche Fähigkeit, wenn sie über acht Stunden einen 45kg Rucksack tragen müssen, bevor sie ein Ziel bekämpfen können. Diese Fähigkeit lautet: Effizienz. Ein Großteil der militärischen Ausbildung wird für die Effizienzsteigerung von Soldaten aufgewendet. Und das hat einen Grund, der sich auf Business und Alltag übertragen lässt.


Sie rennen, wandern, schwimmen und trainieren dafür, stundenlang mit sehr wenig Essen und wenig Pausen auszukommen. Das kommt uns machmal auch im Job bekannt vor. Diese Trainingsumgebung ermöglicht es den Soldaten, sich anzupassen, sodass sie, sobald es wirklich darauf ankommt, „schwerer zu töten“ sind.


Im Training der Elite-Streitkräfte dieser Welt wird zu keinem Zeitpunkt ein Gewichtheber-Anzug angezogen, ein Gürtel um die Hüfte geschnallt und Kniebandagen angelegt um zu testen, wer die schwerste Kniebeuge schafft.

Um Missverständnissen vorzubeugen: ich versuche hier nicht, Krafttraining schlecht zu machen. Für die meisten Ausdauertätigkeiten ist ein grundlegendes Kraftniveau sehr wohl erforderlich und sehr sinnvoll. Ich möchte nur erneut vor Ausschließlichkeit warnen.

Selbst in den seltenen Fällen aber, in denen maximale Kraft in der realen Welt wirklich relevant wird, ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass Du dabei auf einen handlichen Griff mit einem Durchmesser von 28 mm stößt, der perfekt für Deine Hand geeignet ist.


Apokalyptische Ernährung


Zurück zur Apokalypse: Irgendwann zu Beginn unseres hypothetischen Zombie-Ausbruchs wird ausserdem das Bedürfnis nach Essen entstehen. Sowohl auf der einen als auch auf der anderen Seite. Denn für die Zombies bist du ja das Essen. Wenn Du dir dabei Ernährungstipps von den Experten auf Instagram holst, wirst du es nicht weit schaffen. Ein häufiger Trend bei Sportlern ist es, immer mehr Kalorien zu konsumieren, um muskulös(er) zu werden. Dies ist das genaue Gegenteil von Effizienz.


Der Konsum von Nahrungsmitteln in Hülle und Fülle kann die Spitzenleistung verbessern. Jedoch steigert das auch den sogenannten metabolischen Verbrauch unseres Körpers. Die ganze Zeit, die Du damit verbracht hast, Deine „Maschine zu füttern“, hat Dich zu einem Klotz am Bein der anderen gemacht, wenn es ums Überleben geht. Du hast die Energiespar-Fähigkeit deines Körpers so gut wie ausgeschaltet und damit das Arbeitspensum reduziert, das du ohne Nahrungszufuhr leisten kannst. Dein Überleben hängt davon ab, Deine Bedürfnisse einzuschränken, genug Wasser- und Nahrungsquellen zu finden und diese Quelle dabei so gut wie möglich zu rationieren.


Beim Überleben geht es aber selten um die Konfrontation mit einem Gegner. Diese Illusion wird nur dann wahr, wenn Du erkennst, dass Du selbst der größte Gegner bist. In dieser Hinsicht sind sich pures Überleben und das Training für körperliche Fitness sehr ähnlich.


Es ist nicht notwendig zu erwähnen - ich tue es trotzdem: körperliche und geistige Verhaltensflexibilität zu besitzen, kann in echten Überlebens-Situationen der entscheidende Faktor sein. Das erreichst Du einzig und alleine durch Training und dem Wissen über die richtige Nahrungsaufnahme.


Masse machte Dich langsamer: zurück zum Klotz am Bein


Ausdauer in der Resident Evil Ära ist der Schlüssel zum Überleben. In der Lage zu sein, weit, schnell und mit wenig Energieverbrauch zu laufen, könnte den Unterschied ausmachen zwischen dem erfolgreichen Verlassen einer überfüllten Kannibalen-Stadt und der kurzen Erfahrung, bei lebendigem Leib von Zombies vernascht zu werden. Wenn es dein Ziel ist, „schwerer zu töten“ zu sein, solltest du weniger wiegen, weniger konsumieren und dich bemühen, lange Strecken ohne großen Aufwand überwinden zu können. Es sollte niemanden überraschen, dass das durchschnittliche Körpergewicht männlicher Mitglieder von Spezialeinsatzkräften bei ca. 85 kg liegt. Nicht ohne Grund: Die stärksten Menschen gehören normalerweise auch zu den schwersten, was bedeutet, dass sie die meiste Nahrung zu sich nehmen müssen und die meiste Zeit benötigen, um sich zu bewegen.


Ein langsameres Ziel ist ein einfacheres Ziel. Schwerere Menschen sind damit auch eine Belastung, wenn sie verletzt sind. Es mag sicherlich imposant sein, der große Mann mit dem riesigen Bizeps zu sein. Allerdings nur bis zu dem Zeitpunkt, an dem sich der Hüne den Knöchel verdreht und die Gruppe, die für das Tragen verantwortlich ist, darüber debattiert, wie wichtig er wirklich ist.


Für Pros: Überleben ist kein 11 Minuten AMRAP


Kenner werden ohne Zweifel sagen: „CrossFit trainiert dich für das Unbekannte und Unmessbare!“ Ich habe kein Problem mit dieser Idee, ganz im Gegenteil. Ich bin ein großer CrossFit-Fan. Dennoch bin ich mir ziemlich sicher, dass unsere Spezies seit der Entwicklung des Homo-sapiens alleine mit CrossFit-Training auch nicht überlebt hätte. Denn Überlebensanstrengungen dauern meist länger als elf Minuten - was der Länge eines durchschnittlichen CrossFit-Trainings entspricht.


Wer schneller läuft ist klar im Vorteil


Die wichtigste Frage, die du beantworten solltest, um deine Überlebenschancen in der Zombie-Apokalypse zu bestimmen, lautet: „Wie viel von meinem Training ist tatsächlich funktional, beinhalten also sowohl kurze, schnelle - sogenannte anaerobe - wie auch lange, ausdauernde - sogenannte aerobe - Phasen?“ Und wie viel davon ist für den Spiegel, für Dein Ego und Dein Instagram Profil? In Anbetracht der Tatsache, dass jegliches Transportmittel in der Apokalypse ohne Treibstoff nur noch Schrott ist und selbst der Tankwart von der Lieblingstankstelle zum Zombie mutiert sein dürfte, bleibt Dir nur noch die Fortbewegung „a piedi“. Wenn Du nun die funktionalen Aspekte Deines Trainings betrachtet, die auch wichtige Bestandteile der Überlebensstrategie sind, wird klar, dass das Laufen einer der zentralen Bestandteile dieser Strategie ist. Keine andere menschliche Fähigkeit ermöglicht es sonst, den Angriffen der infizierten und hungrigen Zombies zu entkommen.


Um diesen hypothetischen Diskurs zu beenden: Wenn sich dein Fitness-Partner das nächste Mal darüber beschwert, dass das Laufen seine Knie belastet und er oder sie sich für eine Alternative oder ein Training vor dem Spiegel im Pumping-Iron Stil entscheidet, kannst du schmunzeln. Denn du weißt, dass noch ein gewichtiges Stück menschliches Futter zwischen dir und der anrückenden Zombie-Horde liegt.


In diesem Sinne, du musst nicht der Schnellste, du darfst nur nicht der Langsamste sein.


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